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Ein Säbelzahnkatze, die durch eine verschneite Berglandschaft streift.

20. Oktober 2026

New Work

Deadline oder Säbelzahntiger?

Dein Körper reagiert auf eine Deadline mit demselben Notfallprogramm wie auf eine echte Gefahr. Warum das so ist und wo du trotzdem ansetzen kannst.

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Mittwoch, 16 Uhr. Die Präsentation für Freitag ist halb fertig, im Kalender stehen noch drei Termine. Das Herz schlägt schneller, die Schultern wandern Richtung Ohren, an Mittagessen ist nicht zu denken. Was da gerade an Stress im Körper abläuft, ist ein Notfallprogramm für einen Kampf, den es nicht geben wird.

Ein Notfallsystem, das keine Unterschiede macht

Der Physiologe Walter Cannon hat diese Reaktion 1915 als fight or flight beschrieben. Nimmt das Gehirn eine Bedrohung wahr, aktiviert es den Sympathikus, und das Nebennierenmark schüttet Adrenalin aus. Innerhalb von Sekunden steigen Herzfrequenz, Blutdruck und Atemfrequenz, die Muskeln bekommen Energie, die Verdauung wird heruntergefahren. Alles, was nicht dem Überleben im nächsten Moment dient, wartet.

Cannon hat auch den Begriff der Homöostase geprägt, aufbauend auf Claude Bernards Idee eines stabilen inneren Milieus. Der Körper ist darauf angelegt, nach der Aufregung wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Dafür ist der Gegenspieler des Sympathikus zuständig, der Parasympathikus: Er senkt Puls und Blutdruck und schaltet auf Verdauung und Erholung um.

Die zweite Welle: Cortisol

Etwas langsamer läuft eine zweite Achse an. Der Hypothalamus gibt ein Signal an die Hirnanhangdrüse, die wiederum die Nebennierenrinde anregt. Deren Produkt ist Cortisol. Es hält den Blutzucker hoch, damit Energie verfügbar bleibt, und dämpft Entzündungsreaktionen. Über eine Rückkopplung bremst es außerdem seine eigene Ausschüttung, sobald die Lage sich beruhigt.

Dass dieses System beim Steuerbescheid genauso anspringt wie bei einer echten Gefahr, hat Hans Selye ab 1936 untersucht. Er beobachtete, dass der Körper auf sehr verschiedene Belastungen mit einem ähnlichen Grundmuster reagiert. Die Stressreaktion ist unspezifisch. Sie fragt nicht, ob da ein Raubtier steht oder ein Abgabetermin.

Wenn der Alarm nicht mehr ausgeht

Für kurze Spitzen ist das System gut gebaut. Schwierig wird es, wenn die Spitzen nicht mehr abklingen oder so dicht aufeinander folgen, dass dazwischen keine Erholung mehr passt.

Der Neuroendokrinologe Bruce McEwen arbeitet hier mit zwei Begriffen. Allostase beschreibt, wie der Körper durch ständige Anpassung stabil bleibt. Allostatic Load ist der Preis dieser Anpassung, wenn sie zum Dauerzustand wird: die Abnutzung, die sich über Monate und Jahre ansammelt, etwa im Herz-Kreislauf-System, im Immunsystem und im Schlaf. Das Trügerische daran ist, dass man diese Last selten direkt spürt. Man merkt nur irgendwann, dass die Erholung am Wochenende nicht mehr reicht.

Liniendiagramm, das die Stressreaktionen im Zeitverlauf darstellt und die allostatische Belastung, Allostase, homöostatische Erholung sowie eine Verschiebung hin zu einem neuen Basiswert veranschaulicht.

Warum das nicht die ganze Wahrheit ist

Bis hierhin klingt Stress wie ein Reflex, dem man ausgeliefert ist. Die Biologie erklärt aber nur, wie der Körper reagiert. Sie erklärt nicht, warum dieselbe Deadline die eine Kollegin kaltlässt und den anderen nachts wachhält.

Die Antwort liegt einen Schritt vor der Reaktion. Richard Lazarus und Susan Folkman haben gezeigt, dass zwischen Ereignis und Stressreaktion eine Bewertung steht: Ist das für mich bedrohlich, herausfordernd oder belanglos? Und habe ich, was ich brauche, um damit umzugehen? Der Sympathikus springt erst an, wenn diese Bewertung auf Bedrohung oder Überforderung hinausläuft.

Flussdiagramm des transaktionalen Stressmodells nach Lazarus und Folkman, das den Prozess von einem Ereignis über die Bewertung bis hin zur Bewältigung und Neubewertung veranschaulicht.

Diese Bewertung hinterlässt sogar im Körper unterschiedliche Spuren. Jim Blascovich und Wendy Berry Mendes unterscheiden zwischen einem Herausforderungs- und einem Bedrohungszustand, die sich im Herz-Kreislauf-System messbar unterscheiden. Und Alia Crum hat mit Kolleg:innen gezeigt, dass schon die Haltung zum Stress beeinflusst, wie Menschen ihn erleben und verkraften.

Den alten Notfallmechanismus können wir nicht abschalten. Die Bewertung, die ihn auslöst, lässt sich dagegen beobachten und zum Teil verändern. Das ist der Ansatzpunkt für alles, was danach kommt.

Und jetzt?

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